Für die aktuelle Ausstellung hat die Berliner Künstlerin Petra Lottje eigene Arbeiten zusammengestellt, die in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden und die einen Einblick in ihren künstlerischen Ansatz gewähren, den sie in so verschiedenen Medien wie Zeichnung und Film verfolgt. Für dieses retrospektive Projekt bietet der Kunst- verein Gütersloh den passenden Rahmen, sind die Werke hier doch über mehrere Etagen und unterschiedliche Ausstellungsräume verteilt, wodurch ein inszenierter Parcours durch die Kunst und Weltsichten Lottjes entsteht. Dass Künstler:innen nicht losgelöst, quasi objektiv arbeiten, sondern mehr oder weniger bewusst immer ihre Biografie und das Verhältnis zur Umwelt mitschwingen, gehört zum immanenten Kern des Kunstschaffens und ermöglicht eine reizvolle Unterscheidung individueller Handschriften und künstlerischer Intentionen. Bei Petra Lottje, im persönlichen Umgang eine eher zurückhaltende Person, gehört es sogar zum Prinzip, sich ganz in den Entstehungsprozess ihrer Werke hineinzugeben – ohne sich dabei eigentlich in den Vordergrund zu stellen.
„Kein Mensch lebt nur für sich allein“. Diese Feststellung, eigentlich eine Platitüde, trifft doch den Kern vieler künstlerischer Äußerungen in dieser Ausstellung. Die Beobachtung der Anderen im Kontext des Selbst bildet den wiederkehrenden Subtext. Dem trägt bereits der Aus- stellungstitel „Wahlweise Wach“ Rechnung. Um wie Lottje Kunst zu machen, braucht es eine wache und empathische Beobachtungsgabe. Entgegen allen ermüdenden Routinen bleibt die Künstlerin offen für Stimmungen, Gesten und Nuancen, beobachtet und empfindet, um das Gesehene dann in gut lesbaren Linienkürzeln oder symbolhaften filmischen Werken quasi zu protokollieren.
Die frühe Videoarbeit „Jedes Zimmer Hinter Einer Tür“ von 2006 weist schon das Changieren zwischen vermeintlich Autobiografischem und dem Nachfühlen von Extrem- situationen Dritter auf. Die Künstlerin schlüpft hier in die Rolle dutzender Frauen aus diversen Kinofilmen. Settings und Kostüme variieren ebenso wie die Stimmungslagen der Filmmonologe, die Lottje nicht bloß einfach lippensynchron „nachspielt“, sondern sich vielmehr neu zu eigen macht – zu wahrhaftig wirken die Emotionen der darstellenden Künstlerin, und auch bei den Betrachtenden stellt sich ein Wechselbad der Gefühle ein. Wir beobachten Lottje, wie sie persönliche Extremsituationen nachvollzieht, starke, verletzte, wütende, traurige Perspekti- ven einnimmt und so ein dichtes, in der Zusammenschau fast philosophisch anmutendes Kaleidoskop der weiblichen Psyche und gesellschaftlichen Zuschreibung von „Gender“ darstellt und dabei immer wieder auch dekonstruiert. Unwillkürlich fragt man sich: Was ist hier echt empfunden, da auch selbst erlebt, was ist kongenialer Nachvollzug fiktiver Plots?
Die Zeichnungen Lottjes wirken häufig wie in einem Zug gefertigt. Die Linie auf dem Papier entsteht aber nie vor der Wirklichkeit, bildet nicht unmittelbar ab, sondern reflektiert Gesehenes und destilliert eine formelhafte Darstellung, dekliniert schließlich Gefühltes durch. Ein gutes Beispiel dafür ist die Serie „Im Zweifel“, die 2018 entstand. Sie untersuchte am Beispiel eines Berliner Gerichtsgebäudes, wie sich Menschen dort je nach ihrer individuellen Situation – entweder „vor Gericht geladen“ oder einfach nur dort beruflich tätig – verhalten, was die Körpersprache über ihre jeweilige Gefühlswelt aussagt. Erst im eigenen Atelier erinnert Lottje dann das Beo- bachtete und lässt Strichzeichnungen entstehen, in denen sie in der Zusammenschau einen emotionalen Kosmos entwickelt.
In einem eigens für diese Ausstellung entwickelten Pro- jekt, „Wehende Wunder“, rückt Petra Lottje dann auf indirekte Weise doch in den Fokus. Um ihr soziales Netzwerk abzubilden, lud sie Menschen, denen sie sich aus persönlicher oder beruflicher Perspektive nahe fühlt, ein, ihr zur Ausstellung einen Postkartengruß zu schicken. Rund 130 Rückmeldungen zeichnen das Gefüge nach, in dem sich die Künstlerin bewegt. Diese Kartengrüße stehen nicht zufällig am Anfang der Ausstellung. Für Außenstehende ist es wohl kaum nachzuvollziehen, welche Bedeutung jede einzelne Manifestation der Verbundenheit für die Künstlerin hat – und doch ist hier die Wärme einer „sozialen Plastik“ (frei nach Joseph Beuys) nachzufühlen, wie sie durch die gesamte Ausstellung strahlt.
Dr. Martin Steffens